
Ob in der Stadt oder auf dem Land: viele Menschen sind heute stark in Arbeit, Familie und Alltag eingebunden. Dabei treten persönliche Begegnungen im direkten Wohnumfeld oft in den Hintergrund. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach Austausch, Verlässlichkeit und Zusammenhalt im eigenen Umfeld. Menschen wünschen sich Orte, an denen man sich kennt, einander wahrnimmt und sich aufeinander verlassen kann.
Gerade deshalb gewinnen Nachbarschaften an Bedeutung. Überall dort, wo Menschen im selben Ort, in derselben Straße oder im selben Haus leben: Wenn Menschen sich kennen, entsteht Vertrauen. Man unterstützt sich im Alltag, teilt Wissen und organisiert gemeinsame Aktivitäten. So entsteht ein Umfeld, in dem sich Menschen verbunden fühlen und gerne leben.

Nachbarschaften spiegeln die Vielfalt unserer Gesellschaft wider: Menschen unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen Lebensgeschichten, Kulturen und Erfahrungen sowie mit oder ohne Behinderung leben Tür an Tür.
Wenn diese Vielfalt sichtbar wird und Menschen einander offen begegnen, entstehen neue Perspektiven, Ideen und Verbindungen. Eine vielfältige Nachbarschaft kann so zu einem Ort werden, an dem alle Menschen ihren Platz finden und sich einbringen können.

Oft braucht es nur kleine Anlässe, damit Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Ein Hof- oder Straßenfest mit Musik und Spielen, ein gemeinsames Treffen auf dem Dorfplatz, ein Picknick im Park oder ein Nachmittagsangebot für Kinder und Erwachsene, bei dem gemeinsam gebastelt oder musiziert wird, können der Anfang sein.
Solche Begegnungen schaffen neue Kontakte und stärken das Gemeinschaftsgefühl. Sie zeigen, wie viel entstehen kann, wenn Nachbar:innen ihre Umgebung gemeinsam gestalten.

Katharina Roth: Der 5. Mai ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Warum ist dieser Aktionstag auch heute noch so wichtig – mehr als 30 Jahre nach seiner Einführung?
Christina Marx: Der 5. Mai erinnert uns jedes Jahr daran, dass Inklusion kein „Nice to have“ ist, sondern ein Menschenrecht. Deutschland hat sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention klar dazu verpflichtet. Trotzdem klafft häufig noch eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Denn auch heute erleben viele Menschen mit Behinderung in ihrem Alltag weiterhin Ausgrenzung und fehlende Teilhabe. Barrierefreiheit ist noch längst nicht selbstverständlich – weder im öffentlichen Raum, noch digital oder im gesellschaftlichen Bewusstsein. Der Protesttag macht diese Missstände sichtbar und fordert Politik und Gesellschaft dazu auf, gleichberechtigte Teilhabe konsequent umzusetzen.
Katharina Roth: Wenn wir über Inklusion sprechen, denken viele zuerst an Politik oder große gesellschaftliche Veränderungen. Warum beginnt Inklusion aus Deiner Sicht ganz oft im Kleinen – zum Beispiel in der Nachbarschaft?
Christina Marx: Weil Inklusion vor allem dort gelingt, wo Menschen sich im Alltag begegnen. In der Nachbarschaft entscheidet sich ganz konkret, ob Teilhabe möglich ist: Kann ich am Hoffest teilnehmen? Komme ich in das Café um die Ecke? Werde ich angesprochen und mitgedacht?
Die Aktion Mensch sagt ganz bewusst: Inklusion entsteht vor Ort. Nicht nur durch Gesetze, sondern durch das Miteinander im direkten Lebensumfeld. Nachbarschaften sind soziale Räume, in denen Vertrauen wächst, Berührungsängste abgebaut werden und Vielfalt ganz selbstverständlich erfahrbar ist. Kleine Gesten, gemeinsame Aktivitäten oder offene Einladungen können hier viel mehr bewirken als große Debatten.
Katharina Roth: Viele Menschen möchten offen aufeinander zugehen, sind aber unsicher: Was sind typische Hemmungen im Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderung – und wie lassen sie sich überwinden?
Christina Marx: Bei Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung spielt Unsicherheit häufig eine Rolle: Darf ich Hilfe anbieten? Welche Worte sind passend? Spreche ich das Thema Behinderung an – oder lieber nicht? Diese Unsicherheit führt oft zu Distanz, obwohl beide Seiten sich eigentlich Begegnung wünschen. Unsere Erfahrung zeigt: Der beste Weg, diese Hemmungen abzubauen, ist Offenheit. Fragen stellen ist erlaubt, Zuhören sowieso. Niemand erwartet Perfektion. Wichtig ist, dem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen – nicht übervorsichtig, sondern selbstverständlich. Mit jeder weiteren Begegnung werden Berührungsängste schließlich kleiner. Deshalb schaffen wir gezielt Anlässe, bei denen Menschen unkompliziert in Kontakt kommen können.
Katharina Roth: Viele Barrieren sind für Menschen ohne Behinderung nicht auf den ersten Blick sichtbar. Was können Menschen in ihrer Nachbarschaft stärker mitdenken oder beachten, wenn sie selbst nicht von Behinderungen betroffen sind?
Christina Marx: Das stimmt. Dazu gehören zum Beispiel fehlende Informationen in Leichter Sprache, schwer zugängliche Veranstaltungsorte, mangelnde Sitzgelegenheiten oder zu laute, unübersichtliche Umgebungen. Was für die einen kaum auffällt, kann für andere zur echten Barriere werden. Ein guter Ansatz ist: Menschen mit Behinderung als Expert*innen von Anfang an einbeziehen. Wer ihre Perspektiven mitdenkt, stellt schnell fest, dass sich viele Barrieren mit vergleichsweise geringem Aufwand abbauen lassen. Und dass Barrierefreiheit allen zugutekommt – Eltern mit Kinderwagen, älteren Menschen oder Menschen mit wenig Deutschkenntnissen. Von einer inklusiven Nachbarschaft profitieren letztlich alle.
Katharina Roth: Begegnung gilt als Schlüssel zu mehr Inklusion. Das hast Du schon oft betont. Was kann sie im Alltag bewirken – und wie können Nachbarschafts-aktionen oder - feste so gestaltet werden, dass daraus wirklich inklusive Begegnungen entstehen?
Christina Marx: Begegnungen bauen Vorurteile ab, schaffen Vertrauen und verändern Perspektiven. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass Inklusion von Begegnung lebt. Damit Nachbarschaftsaktionen wirklich inklusiv sind, braucht es kein perfektes Konzept. Wichtig ist, dass sie offen gestaltet sind: barrierefrei zugänglich, verständlich organisiert und mit vielfältigen Beteiligungsmöglichkeiten. Ob Nachbarschaftsfest, gemeinsame Pflanzaktion oder Spaziergang – wo Menschen sich willkommen und wohlfühlen,entsteht ein echtes Miteinander. Und daraus wächst oft eine Gemeinschaft, die weit über den einzelnen Anlass hinaus besteht.
Katharina Roth: Die Aktion Mensch fördert die nebenan.de Stiftung und den Tag der Nachbarschaft als Hauptförderer. Warum passt diese Kooperation aus Deiner Sicht so gut zusammen?
Christina Marx: Weil beide das gleiche Ziel verfolgen – aus unterschiedlicher Perspektive. Die Aktion Mensch bringt jahrzehntelange Erfahrung in der Umsetzung von Inklusion ein, während die nebenan.de Stiftung Nachbarschaften aktiviert und Menschen vor Ort vernetzt. Gemeinsam entsteht so eine starke Verbindung von Inklusion und bürgerschaftlichem Engagement im Alltag. Der Tag der Nachbarschaft zeigt, wie gut das zusammenpasst: Menschen kommen zusammen, feiern Vielfalt und setzen ein sichtbares Zeichen für ein offenes, solidarisches Miteinander. Genau dort wird Inklusion greifbar – vor der eigenen Haustür.
Das gesamte Interview zum Herunterladen findest du hier
Tipps: So wird deine Aktion für alle zugänglich
Damit möglichst viele Menschen teilnehmen können, lohnt es sich, Aktionen bewusst offen und barrierearm zu planen. Schon kleine Dinge – etwa verständliche Einladungen, ein gut erreichbarer Ort oder verschiedene Mitmachmöglichkeiten – können einen großen Unterschied machen.
Die folgenden Tipps und die Checkliste sind in Kooperation mit der Aktion Mensch entstanden und sollen dich dabei unterstützen, deine Aktion möglichst inklusiv und zugänglich zu gestalten.
Tipps und Checkliste
Weitere Informationen zum Thema Vielfalt in der Nachbarschaft findest du unter: www.aktion-mensch.de/nachbarschaft
Weitere Informationen zum Thema Vielfalt in der Nachbarschaft findest du unter: www.aktion-mensch.de/nachbarschaft